PlanetCrap 6.0!
Front Page (ATOM) • Submission Bin (2) • ArchivesUsersLoginCreate Account
You are currently not logged in.
T O P I C
Egal, ob Blut fließt.
April 30th 2002, 21:13 CEST by Morn

Es ist nur ein paar Tage her, schon steht für die deutschen Medien fest, wie es zu dem Amoklauf an dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium kommen konnte, bei dem 13 Lehrer, zwei Schüler, ein Polizist und der Täter getötet wurden. Ihr Ergebnis – dass Robert Steinhäuser, der 19jährige Täter, durch exzessives Spielen von Counter-Strike und anderen „Killerspielen“ sich auf die Tat vorbereitete, wenn nicht sogar zu ihr verleitet wurde – wirft eine andere interessante Frage auf. Eine Frage, die an sich herzlich wenig mit dem Amoklauf, aber vielleicht doch sehr viel mit ihm zu tun hat: Wie steht es denn nun um unser liebstes Hobby, die Computerspiele? Wie kann es sein, dass etwas, das man angesichts der Zahlen – angeblich 90% der männlichen deutschen Jugend spielt regelmäßig Counter-Strike – fast schon als Volkssport (oder –Hobby) bezeichnen kann, immer noch als Kinderspielzeug abgetan und für Tragödien wie Erfurt und Columbine verantwortlich gemacht wird?

Jemand, der bisher gar nichts oder nur wenig mit der Materie zu tun hatte, bekommt von den Medien in diesen Tagen ein klares und sehr einfach zu begreifendes Bild geliefert: „Gewalt- und Blutorgien“ sind das, „Mordsimulationen“, „Killerspiele“. Die Überraschung für diese Uneingeweihten ist groß: fast die gesamte deutsche Jugend übt hinter der verschlossenen Kinderzimmertür das Morden, trifft sich auf LAN-Parties zu regelrechten Schlachtfesten; so stellen es die Medien – wie immer schon – dar.

Die Spiele-Fans zeigen sich erwartungsgemäß empört. Dass die Medien ihr Lieblingshobby immer wieder aufs Neue leicht negativ beleuchtet haben, war schon immer ärgerlich, aber dieses Mal kommen noch Unwahrheiten und Übertreibungen hinzu: „Kinderwagen mit Großmüttern bringen Extra-Punkte“, so das Hamburger Abendblatt; Counter-Strike sei ein Spiel, „in dem man vom Polizisten (sogar die GSG 9) über den Passanten bis hin zum Schulmädchen jeden erschießen soll“, meint die FAZ. Die Spieleindustrie wird auf einmal zur „Hassindustrie“, die Hersteller zu „Dealern, die ihre Droge Gewalt an die Kinder verkaufen“. Nun ist das Fass offenbar übergelaufen: in Web-Foren, Usenet und IRC finden sich Spiele-Fans, die sich „nicht mehr so behandeln lassen“, „endlich aktiv werden“ wollen, zumal die ersten Eltern anscheinend das Spielen von Counter-Strike verboten haben – für jugendliche Spieler der Super-GAU. Virtuelle Unterschriftensammlungen werden gestartet, Aufrufe zur politischen Mobilmachung zieren viele bekannte Spiele-Websites, und Unmengen empörter Spieler schreiben Leserbriefe an Zeitungen und TV-Sender; manche freundlich und distanziert, andere schon nahe an der Morddrohung.

Wer sich ausgemotzt hat, muss jedoch auf einmal feststellen, dass es letztendlich doch ein wenig stimulierend ist, das eigene Hobby in den Medien zu sehen. Computerspiele, die lange Zeit von Eltern, Politikern und anderen Verweigerern als dummes Kinderspielzeug abgetan und ignoriert wurden, sind auf einmal in aller Munde. Vor dem 26. April 2002 berichteten lediglich die Dritten Sender sporadisch, aber bemüht über jene bizarre Riesenparties, auf denen sich die Jugend trifft, um Computerspiele mit unaussprechlichen Namen zu spielen. Und heute? Die ganze Welt kennt auf einmal „Counter-Strike“, „Quake“ und „Duke Nukem 3D“. Das unheimliche Hobby, die Subkultur, die fremde Welt ist von heute auf morgen internationaler Gesprächsstoff, erstes Thema in den Nachrichten, sogar Nah-Ost-Konflikt und Amerikas Kampf gegen Terror müssen sich hinten anstellen. Hier sind wir, die Spielefreaks. Das ist unser Hobby; das, was uns anturnt. Endlich begreift Ihr.

Fast schon wie vom Band predigen Beckstein und Stoiber das Versprechen, die bösen „Killerspiele“ endlich zu verbieten, und natürlich ernten sie dafür von fast allen Seiten Beifall. Für uns, die Spielebranche und –Gemeinschaft, lautet nun die Frage, wie wir auf diese vermeintliche Bedrohung reagieren sollen. Mit Unterschriftensammlungen und Leserbriefen, von denen ein nicht zu unterschätzender Anteil die allgemeinen Vorurteile leider eher bestätigt? Wahrscheinlich nicht. Wie sieht es bei der Industrie aus? „Solange es nicht verboten ist, werden wir es tun“, hinter dieser Einstellung scheint sie sich jetzt zu verstecken. Kann sie es sich in Zeiten von Erfurt und Columbine erlauben, Spiele zu produzieren, bei denen die Anzahl der abschießbaren Körperteile eines der Hauptverkaufsargumente ist?

Computerspiele haben jetzt und hier die Gelegenheit, den Kinderspielzeug-Status abzuwerfen und endlich ernst genommen zu werden. Aber um dies zu erreichen, bedarf es nicht nur einsichtiger Politiker, sondern auch der Bereitschaft von sowohl Spiele-Fans als auch Herstellern, sich differenziert mit ihren Produkten zu befassen, ihre eigene Position und Richtung zu überprüfen, und vielleicht in Zukunft auch etwas weniger wie „Killerkids“ und „Gewaltdealer“ zu agieren.

Vielleicht ist es nun endlich an der Zeit, dass wir Spielefans aufhören, uns wie beleidigte Kinder zu benehmen, denen ihr Lieblingsspielzeug weggenommen werden soll; dass wir endlich wahrhaben, dass Spiele wie Counter-Strike nicht das Teletubbyland sind, sondern tatsächlich härteste Gewalt darstellen – Gewalt, mit der wir uns auf jeden Fall auseinandersetzen müssen, vor allem in der Diskussion mit den Medien und der Politik; Gewalt, die auf Außenstehende tatsächlich er- und abschreckend wirkt.

Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass die Hersteller endlich erwachsen werden und darauf verzichten, das Profitpotenzial von Sex & Violence auf Teufel komm raus auszuschöpfen zu versuchen. Wenn sogar die unvermeidbare Indizierung eines neuen Titels als Werbeargument genutzt wird, muss sich die Industrie an die eigene Nase fassen, wenn sie bei Tragödien wie Erfurt als Sündenbock herhalten muss. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen. Werdet mal erwachsen!

Und vielleicht, ja, vielleicht ist es auch an der Zeit, dass sowohl die Politiker als auch die nicht spielende Öffentlichkeit sich an den Gedanken gewöhnen, dass sogar friedliebende Zivildienstleistende gerne mal auf „Mordtour“ gehen; aber nicht, weil sie geil auf Blut sind, sondern, weil jene Ballerspiele, Egoshooter, Killerspiele, wie man sie auch nennen mag, letztendlich nur ein paar Spiele unter vielen sind, die alle Spaß machen. Egal, ob Blut fließt.
T H R E A D S
No wonder Babelfish is free. 26
Untitled Thread 6
To our German readers! :P~ 15
SOF2 loving 37
OMG this thread is actually on-topic! 1
Proof of the new nazis! 5
Untitled Thread 6
Warez: Good or Bad? 2
Obligatory DNF sub-thread 34
To our non-German readers :P 13
Super Monkey Ball 2! 1
Thread for commenting on if you voted for this topic. 10
I have an incredibly large penis. 7
Obligitory Linux Thread 1
Evil German takeover... 1
Untitled Thread 2
I no understand de German 1
choo choos are tasty! 1
P O S T   A   C O M M E N T

You need to be logged in to post a comment here. If you don't have an account yet, you can create one here. Registration is free.
C R A P T A G S
Simple formatting: [b]bold[/b], [i]italic[/i], [u]underline[/u]
Web Links: [url=www.mans.de]Cool Site[/url], [url]www.mans.de[/url]
Email Links: [email=some@email.com]Email me[/email], [email]some@email.com[/email]
Simple formatting: Quoted text: [quote]Yadda yadda[/quote]
Front Page (ATOM) • Submission Bin (2) • ArchivesUsersLoginCreate Account
You are currently not logged in.
There are currently 0 people browsing this site. [Details]